Exkurs - Mein CastingTag 1: Nach ca. 3 Stunden Fahrzeit war ich an meinem Zielort (Bonn) angekommen. Hier sollte ich die nächsten beiden Tage die Hölle auf Erden erleben. Nach 3 Stunden Anreisezeit ist man sowieso nicht mehr so fitt - Müdigkeit konnte ich mir aber nicht leisten. Ich checkte schnell in das Hotel ein und schmiss mich in meinen Anzug. Danach ging es ziemlich schnell weiter zur Eröffnungsveranstaltung. Die "Jury" begrüßte uns und erklärte den Ablauf. Die Atmosphäre war erstaunlich locker. Dennoch war klar: wenn ich durchfallen würde, wäre der TL Traum wahrscheinlich ausgeträumt! Wenig später begann die 1. Aufgabe: Bei dieser Aufgabe handelte es sich um eine Gehirnjogging Aufgabe. Buchstaben mussten abgezählt und anderen Buchstaben zugeordnet und aufgeschrieben werden. Das Ganze unter erheblichem Zeitdruck. Dass eine solche Aufgabe auch in früheren Castings Bestandteil war, war mir bekannt. Ich habe mich in den Wochen vor dem Casting gezielt auf eine solche Aufgabe vorbereitet - aber bei den Übungen erkannte ich schon wenig Aussicht auf Erfolg. Aufgaben dieser Art liegen mir gar nicht. Und es kam wie es kommen musste - ich konnte die Aufgabe nicht lösen und begann mein Casting mit 0 Punkten im ersten Teil. Ich wusste aber auch, dass eine solche Aufgabe nur wenig Einfluss auf das Gesamtergebnis hat. Da ich auch mit 0 Punkten in diesem Teil kalkuliert hatte, wurde ich auch nicht übermäßig nervös und konzentrierte mich lieber auf meine zweite Aufgabe.
Die zweite Aufgabe: Die zweite Aufgabe war ein Interview. Als Interview versteht man dabei eine Art Selbstpräsentation mit anschließender Fragerunde über die eigene Person. Ich begann an einer Tafel eine kleine Visualisierung und stellte mich dabei vor und erzählte ein wenig über meinen aktuellen Werdegang. Danach wurde ich von der "Jury" interviewed. Während der Selbstpräsentation und des Interviews sollte man den Fokus auf aktuelle Dinge und auf Highlights legen. Fragen, wie z. B. warum halten Sie sich für den geeigneten Teamleiter, sollten glaubwürdig und professionell beantwortet werden können. Daneben gab es auch eine Reihe an Fragen zur eigenen Person. Ich hatte ein richtig gutes Gefühl bis ich den Raum wieder verlies. Ich bemerkte, dass ich meine begonnene Visualisierung zu Anfang nicht beendet hatte. Ich war so in meinem Element, dass ich es vergessen hatte. Aber dieses Interview war so lebendig und spannend, dass es vielleicht auch bei der "Jury" nicht so aufgefallen war.
Kurze Pause: Zeit für eine Zigarette und zum kurzen Verschnaufen. Ich warf ein Blick auf den Ablaufplan und erkannte, dass die Zeit mein größter Feind werden sollte. Die erste Aufgabe war versemmelt. Die zweite Aufgabe wäre richtig gut gewesen, wenn das mit der Visualisierung nicht passiert wäre.
Anschließend ging es weiter zur dritten Aufgabe: Nun hatte ich die Aufgabe eine Outboundsimulation durchzuführen. Ich bekam das Thema und ca. 30 Minuten Vorbereitungszeit. Normalerweise bräuchte ich hierfür nicht mehr als 5 Minuten, da ich bereits mehrere Jahre Outbound Erfahrung hatte. Doch dann der Schock. Ich komme aus dem Telekommunikationsbereich und hatte ausschließlich meine Tätigkeiten in diesem Bereich verübt. Und das Outboundthema befand sich im Bereich der Pharmaindustrie. Und nicht nur das - es gab eine Vielzahl an Angebotsmöglichkeiten und Sonderpreisen. Ich habe Talent beim Thema Outbound - aber nicht, wenn ich irgendetwas ablesen muss. Ich muss mich in der Thematik auskennen und frei sprechen können - alles andere liegt mir ganz und gar nicht. Allerdings war keine Zeit um mir hierüber weitere Gedanken zu machen. Die halbe Stunde war vorüber und ich musste zum Simulationszimmer. Für das Outboundgespräch waren weitere 20 Minuten angesetzt, was mir relativ viel vorkam. Gerade als ich die Simulation beginnen wollte, wurde ich jedoch gestört. Ein wütender Kunde rief an und ich sollte das Gespräch vor meinem Outboundgespräch übernehmen und deeskalieren. Auch im Bereich der Deeskalationen habe ich ein gewisses Talent - aber im Pharmabereich? OK - nun waren die 20 Minuten relativ wenig, wenn ich anschließend noch ein Outboundgespräch führen sollte. Ich nahm das Simulationsgespräch an und hörte mir erst einmal an, was überhaupt die Beschwerde war. Ich versuchte zu deeskalieren. Leider war ich viel zu viel damit beschäftigt mich fachlich am Thema zu orientieren als meinem Gegenüber richtig zuzuhören. Ich machte dreimal den gleichen Vorschlag (der abgelehnt wurde) und brachte das Gespräch an den Rand des Abbruchs. Ich sah die "Jury" an, die die Simulation an dieser Stelle wohl abbrechen wollte - das hätte auch gleichzeitig das Aus für mich bedeutet. Ich weiß noch, ich habe tief eingeatmet, alle Unterlagen weggeschmissen und habe mich auf das konzentriert, was ich eigentlich kann. Ich habe Fragetechniken angewendet und konnte somit doch noch eine Lösung mit dem "Kunden" erarbeiten und sogar das Gespräch deeskalieren sowie freundlich beenden. 15 Minuten waren nun vergangen - ich hatte noch 5 Minuten für mein Outboundgespräch. In der folgenden Simulation musste ich mit einem Geschäftsführer sprechen - mir war klar, dass ich erst einmal an der Sekretärin vorbei musste - aber wie sollte ich das alles in 5 Minuten machen? Ok. Keine Zeit verlieren und Simulation starten - dachte ich mir. Und los ging es. Natürlich blockte mich die Sekretärin - damit hatte ich gerechnet. Ich habe schließlich auch lange genug Outbound im Businessbereich gemacht. Ich wusste auch, wie ich mit der Sekretärin zu sprechen hatte. Erst einmal Symphatie aufbauen, sie als Person und Arbeitskraft, die loyal zu Ihrem Chef eingestellt ist schätzen und Verständnis äußern. Eine Lösungsmöglichkeit aufzeigen und eine Terminierung für ein Gespräch mit dem Chef durchführen (ein Chef ist schießlich viel beschäftigt, da braucht man einen Termin). Dieses Gespräch lief perfekt. Ich dachte mir nach der Terminvereinbarung, es wäre vorbei. Nicht optimal gelaufen - aber beide Gespräche mit einem guten Ergebnis abgeschlossen. Das bedeutete für mich, dass ich noch im Rennnen war. Doch weit gefehlt. Plötzlich tauchte der Chef auf und hatte gerade etwas Zeit für mich. Ich musste also das Verkaufgespräch noch durchführen. Ich hatte hiefür noch 2 Minuten. Eigentlich konnte ich an dieser Stelle aufgeben - den Zeitplan nicht einzuhalten ist ein "no-go" und somit war ich unmittelbar vorm Scheitern. Ich dachte an dieser Stelle echt "scheiß drauf" (das habe ich wirklich gedacht) und ich zog mein Verkaufgespräch durch. Das Gehirn war ausgeschaltet. Ich habe geredet, gefragt, zugehört, Einwände behandelt im absoluten Rekordtempo. Aber die 2 Minuten waren um und somit war es eigentlich vorbei. An der Stelle sind mir noch 5 Minuten Pausenzeit eingefallen, die ich nach dieser Übung hatte. Also - Pause vergessen und weitermachen. Nach weiteren 4 Minuten konnte ich das Gespräch erfolgreich beenden. Freuen konnte ich mich später.
Ich rannte regelrecht zum nächten Raum zu Übung 4: Hier stand ein Mitarbeitergespräch an. Der Mitarbeiter zeigte in den vergangenen Wochen eine immer schlechter werdende Leistung und ich sollte die Gründe hierfür erforschen und den Mitarbeiter wieder auf den richtigen Weg bringen. Der Gesprächseinstieg war mir super gelungen. Ich konnte den Mitarbeiter freundlich abholen und eine gute Atmosphäre aufbauen. Allerdings spielte der Mitarbeiter in dieser Simulation einen Mitarbeiter mit einem Burn-Out-Syndrom. Und somit hätte ich professionelle Hilfe anbieten müssen. Ich war aber selber an dem Mitarbeiter dran geblieben. Resultat war: die Gesprächsführung war gut und angenehm; Atmosphäre und Beziehung zu dem Mitarbeiter gut bis sehr gut - Ergebnis falsch. Heute sage ich, ich hatte damals keine Chance. Ich war damals 24 und hatte eigentlich noch nicht soviel Plan vom Leben, dass ich ein Burn-Out-Syndrom hätte erkennen können. Zudem habe ich keine psychologische Ausbildung. Ich versuchte zu helfen und habe auch kein schlechtes Gespräch geführt. Deshalb sollten sie mir diesen Prüfungspart auch nicht allzu negativ auslegen.
Tag 1 - Ende: Der erste Tag war nun zu Ende. Ich habe noch etwas Abendessen zu mir genommen und bin danach direkt in mein Hotelzimmer. Zum besseren Einschlafen habe ich mir noch ein Bier gegönnt und den Tag noch einmal analysiert. Erste Übung am besten vergessen, zweite Übung fast perfekt (mit einem Schönheitsfehler), Outbound fast komplett versemmelt und dann in einer überzeugenden Weise zurückgekommen - das musste imponieren, Mitarbeitergespräch gut geführt - leider falsches Ergebnis (aber die "Jury" sollte das falsche Ergebnis entsprechend einordnen können). Insgesamt war ich zufrieden. Durch war ich noch lange nicht - aber ich hatte eine Basis geschaffen. Am nächsten Tag würden noch einmal Gehirnjogging (zählt zum Glück kaum ins Ergebnis) und zwei Simulationen anfallen.
Tag 2 - Die erste Simulation: Auf die erste Übung (Gehirn-Jogging) möchte ich jetzt nicht mehr näher eingehen. Es war diesmal eine klassiche Gehirn-Jogging Aufgabe, wo irgendwelche Taten irgendwelchen Personen zugeordnet werden mussten und ich hatte mal wieder nichts hinbekommen. Meine erste Simulation war die Analyse von Kennzahlen. Ich musste anhand von verschiedenen Kennzahlen ein Teamranking erstellen. Dafür hatte ich ca. 15 Minuten Zeit. Danach musste ich mein Ergebnis einer "Jury" präsentieren und erklären können. Diese Simulation lief mir ganz locker von der Hand - dachte ich. Denn die "Jury" war mit meiner Auswertung und Interpretationen nicht zufrieden.
Tag 2 - Die letzte Simulation: Die letzte Simulation war das Führen einer Teamleiterbesprechung - d. h. eine Besprechung unter Gleichgesinnten. Ich erhielt die Themen inkl. 30 Minuten Vorbereitungszeit und stellte fest, dass ich gar kein Arbeitsmaterial hatte. Gedankenblitz. Ich hatte Sekretärinnen - die waren für die Beschaffung gut geeignet. In der Zwischenzeit schrieb ich mir auf mein Block ein kurzes Konzept. Danach war auch mein Arbeitsmaterial da. Ich erstellte einen Flipchart - das reichte. Bis jetzt war die Übung ganz locker - Tagesgeschäft. Es ging weiter zur Simulation. Zuerst habe ich die Anwesenden begrüßt und die Anwesenheit festgestellt - und war überrascht, dass jeder anwesend war. Danach habe ich ein paar Spielregeln aufgestellt und das Einverständnis eingeholt. Diese wurden aber schon vor dem ersten Thema nicht eingehalten. Ich Schritt ein und machte auf die Spielregeln aufmerksam und machte mit der Agenda weiter. Danach die nächste Störung. Ein wichtiges Thema, welches unbedingt besprochen werden musste. Kein Problem. Wofür hat man auf einer Agenda den Punkt "sonstiges". Die Störungen nahmen während meiner Besprechung massiv zu - ich behandelte eine nach der anderen. Irgendwann wurde es sogar einem Beobachter zu bunt und bremste die "Jury" mit ihren Störungen ein. Ich hatte jede Störung optimal behandelt und es wurde nur noch gestört um zu stören - das war am Ziel vorbei. Vor allen Dingen kostete es Zeit. Und ich hatte auch bei dieser Simulation (wie bei jeder) ein Zeitlimit. Nach diesem Einschreiten konnte ich mein Programm ziemlich einfach zu Ende durchspulen und alle geforderten Ergebnisse erreichen. Ich war sehr zufrieden mit dieser Simulation.
Tag 2 - Das Feedback: Die Nervosität stieg. Es war Zeit für das individuelle Feedback. Dieses Feedback bedeutete zugleich bestanden oder nicht bestanden. Im vorherigen Verlauf habe ich bereits die Wertungen zu den einzelnen Simulationen mit reingepackt (war so leichter zu schreiben). Die einzelnen Wertungen der Simulationen habe ich aber eigentlich erst hier erfahren. Zu den Gehirnjogging-Aufgaben hatte ich erwartungsgemäß eine vernichtende Kritik erhalten. Die Selbstpräsentationn wurde mit einer glatten 1 bewertet (die fehlende Visualisierung war nicht aufgefallen), das Urteil für meine Outboundsimulation war wie erwartet; von katastrophal bis beeindruckend. Das Mitarbeitergespräch wurde trotz falschem Ergebnisses noch als Durchschnitt gewertet. Mit der Auswertung der Kennzahlen war man, wie bereits erwähnt, nicht einverstanden und man hatte diese Simulation als leicht unter dem Durchschnitt gewertet. An dieser Stelle rechnete ich schon mit dem Schlimmsten. Doch die letzte Simulation, die Besprechung, hatte mich gerettet und ich hatte das Casting bestanden. Ich war so fertig, dass ich noch nicht einmal mehr darüber jubeln konnte.
Tipps zum Casting: Allgemeine Tipps: Tipps zum Interview: Tipps zum Mitarbeitergespräch: Tipps zum Outboundgespräch: Tipps zu der Kennzahlen Simulation: Tipps zur Teamleiterbesprechung: Weitere Hilfestellungen finden Sie unter Downloads! |